Das Mailorder-Blog von Martin Gross-Albenhausen
Zalando und das Mashup 3.0
Inzwischen werden meine Beobachtungen und Berichte zu mirapodo noch vor dem eigentlichen Launch zur Serie. Offenbar lesen das auch die Wettbewerber und bedienen sich gerne "präpartum", also vor der Geburt.
Über das Klonen von innovativen Ansätzen diskutieren viele derzeit am Beispiel der Groupon-Konzepte. Aber zwischen Klonen und Plagiieren sind es zwei Dinge. Wikipedia verrät uns:
Unter einem Plagiat (von lat. plagium, „Menschenraub“) wird im Urheberrecht allgemein das bewusste Aneignen fremden Geistesguts verstanden.
Plagiarii waren übrigens "Kidnapper", Kinds-Räuber. An anderer Stelle findet man diese Beispiele für Plagiat:
Ein Artikel oder Teile einer Webseite werden ohne Autorenangabe neu aufgelegt. Eine Student kopiert einen Text vom Web oder einem Buch und gibt sie als eigenen Aufsatz aus. Ein Autor kopiert Teile eines anderen Buches ohne Quellenangabe. Ein Komponist "klaut" eine Melodie von einem anderen Komponisten.
Alfons spießt im "Horizont" immer wieder solche geistigen Kinderräuber in der Werbebranche auf. Einen Plagiarius-Preis, wie der vergangene Woche auf der Ambiente verliehene, gibt es noch nicht. Stattdessen gibt es jede Menge Prozesse diesbezüglich.
Gestern abend war wieder der Zalando-Werbespot zu sehen. Der ist eine wenig originelle Kopie des Zappos-Werbespots aus den USA. Dass man den Zalando-Spot auf Youtube oder Myvideo oder Clipfish NICHT findet, ist eigentlich erstaunlich. Man findet generell kein Bild davon. Und das wäre angesichts der Klagefreude amerikanischer Anwälte vielleicht auch zu riskant... Wie dem auch sei, hier der Form halber das Original:
Und nun zurück zu mirapodo: Die Berliner sind noch gar nicht aus der private-Betaphase entschlüpft, da finden sich über nacht auf einmal einige Elemente auch bei Zalando. Seit Mitte vergangener Woche findet man z.B. die 100 Tage-Garantie, über die ich hier berichtet habe. Die Header und Teaser sind gleichfalls erstaunlich an das bei mir gezeigte Original mirapodo angenähert. Hier nochmal mirapodo:
Und hier Zalando zunächst in zwei alten Versionen und dann in der neuen:
Hier jetzt die Version, die seit letztem Mittwoch/Donnerstag sichtbar ist:
Hier mal im Einzelnen:
So sieht die Dachleiste bzw. der Header bei mirapodo aus:
Und hier guckst du Zalando:
Hier der mirapodo-Teaser mit den markanten Pfeilen:
Und hier der Zalando-Klon:
Und rechts neben dem Teaser hat mirapodo einen Service-Kasten platziert, der sich so bei Zalando bis letzte Woche nicht fand (s.o.) - und die Seite seit Mittwoch/Donnerstag ziert:
Plagiat in der Werbung ist die höchste Form der Anerkennung. Außerdem lieben Investoren Kopien, denn da steckt einfaches Geld drin. Dass da die früher mal übliche Fairness in Zeiten des Web 2.0, in Zeiten von Mashups und Copy 'n Paste, auf der Strecke bleibt, überrascht nicht. Man mischt einfach so auf und ein, was einem an passenden Dingen irgendwo begegnet.
Da waren die Samwers früher noch klüger, als sie vier Jahren nach dem eBay-Start eine deutsche Seite dem Original nachbauten - vor allem das Konzept kopierten - und sich dann für 43 Mio. Euro von eBay abkaufen ließen. Vielleicht hofft ja jemand, dass Amazon Deutschland Zalando übernimmt. Oder Zappos direkt.
Copycats kenne ich, seit ich den Versandhandel kenne. Der Camel-Shop hat das erlebt und Batania Direct, Conley's sieht sich von Ottos "brandneu" in Teilen kopiert und bei den Baby-Versendern gibt es auch immer wieder mal Diskussionen. Das On air-Design der Teleshopper könnte man sicher auch immer mal kritisch unter die Lupe nehmen.
Neu ist es - aber eben ein Kind der "beta"-Kultur -, dass die Plagiate schon entstehen, bevor das Original auf dem Markt ist. Darum ist es um so wichtiger, dass ich mirapodo schon vor dem Start öffentlich machen konnte. So ist zumindest klar, wer hier bei wem abgekupfert hat. Mea culpa? Ich hoffe mal, dass ich damit nicht die Matrize für die Kopie mitgeliefert habe...
Von der Suchmaschine zur Shopping-Destination
Nicht nur, dass viele Online-Shops über die immer höheren Klickpreisen bei Google stöhnen. Heimlich hat das Unternehmen alle Bestandteile für die ultimative Shopping-Mall zusammengekauft. Das unterstreicht, was ich vorgestern über den Wettbewerb zwischen Google, Apple, Amazon und Microsoft geschrieben habe. Es verfeinert aber auch einen Punkt: Mit Amazon steht Google durchaus im Wettbewerb - aber eher als "Parasit":
Da gibt es Goggles oder Yelp, aber eben auch die immer feineren Real-Time-Technologien und die Indexierung des Social Graph. Checkout gibt es schon, über "Shopping" auch die Produktfeeds (die um ein Warenbestands-Update ergänzt werden müssten). In jedem Fall kann kaum einer so genau die "Bedeutung" eines Produktes erfassen, bis hin zur Abbildung von Kommentaren. (Warum kann das eigentlich Microsoft mit Bing und Ciao noch nicht richtig?)
Das Nexus One ist Googles erster Versuch mit direktem Verkaufen, und der ist ziemlich daneben gegangen. Vielleicht gewinnt das Unternehmen aber Spaß daran, Transaktionen direkt auf Google durchführen zu lassen?
Andrew Sirotnik von der Agentur Fluid hat die Folge schön beschrieben:
Perhaps most interesting is that Google is not bound to the need to convert. Instead, they benefit most by embracing a new paradigm of the shopping funnel as a non-linear, cross-brand, multi-branched journey. What makes this so powerful is that this is what consumers want and, most often, is in opposition to what individual retailers want to control.
Wenn man nirgends so "informierte" Entscheidungen treffen kann als im Google-Universum, und wenn Google dann noch einen universellen, einfachen Checkout bietet, warum soll ich dann noch in den Ziel-Shop eintreten? Warum sollte ich nicht direkt bei Google kaufen, und Google leitet die Bestellung durch (gegen eine Provision, natürlich)?
Google hätte mit einem Mal, was ihm bisher fehlt: Transaktionsdaten, Warenkorb-Analysen, kombiniert mit der Vielzahl anderer Attribute und Tags. Google wüsste besser als wir selbst, was wir "eigentlich" suchen.
Ganz abgesehen von den Sorgen der etablierten Händler, wäre dies mit der entsprechenden Daten- und Prozess-Organisation im Hintergrund eine große Chance für kleine Longtail-Anbieter. Sie müssten ja nicht einmal mehr einen Onlineshop selbst betreiben. Google ist der Shop.
Nachlese: 39 Bestandteile, die man in e-Mails testen kann
"Keep it simple and stupid" - das gilt auch für die e-Mails. Nicht zu viele Dinge auf einmal ändern oder gegeneinander testen. Dennoch können Sie wesentlich mehr Hebel ansetzen als Printwerbung dies aus Kostengründen erlaubt. Die Wahrheit ist jedoch: die meisten testen nur sieben verschiedene Hebel.
Vor fünf Jahren habe ich die nachfolgende Liste zusammengetragen. Innovation hin oder her: Welche davon sind noch aktuell?
Die meisten Versender testen heu
- Betreffzeile
- Absender
- Tageszeit
- Wochentag
- Angebot
- Personalisierung
- Link-Platzierung
Wenn Sie hier aber noch keinen durchschlagenden Erfolg haben, können Sie immerhin noch folgende 32 Faktoren variieren:
- List-Segmentierung
- Ansprache (Inhalt)
- Ansprache (Stil)
- Copy (Inhalt)
- Copy (Stil)
- Abschluß (Inhalt)
- Abschluß (Stil)
- Bilder
- Platzierung von Response-Buttons
- Farben
- Coupons
- Preisgestaltung
- kostenlose Tests
- HTML vs. txt vs. Rich
- Abmelde-Formulierungen
- Slogans und andere fixe Bestandteile des e-Mail-Auftritts
- Gestaltung/Layout allgemein
- Testimonials
- ggf. Filialnennung mit zugehörigem Coupon
- Telefon-Kontaktmöglichkeit
- Animationen
- Infografiken
- Signaturen
- Presse-Zitate
- Promis
- Umfragen
- Handlungsaufforderungen
- Audio-Elemente
- Video-Elemente
- Rabatte
- Freundschaftswerbung
- Call-me-Back-Button
Wesentlich ist, dass Sie die Elemente auch miteinander verknüpfen können. So können Sie z.B. die Platzierung einer Handlungsaufforderung testen, aber auch die Formulierung. So stehen Ihnen buchstäblich tausende Varianten zur Verfügung.
Sollten Sie sich wund-testen? Sicher nicht.
Aber es gibt keine Entschuldigung, bei einem erfolgreichen Format stehenzubleiben, ohne wenigstens 2-3 Varianten regelmäßig dagegen zu testen.
Der Unterschied zwischen Google, Amazon und Apple
Auf den ersten Blick scheint sich Google derzeit mit allen in Clinch zu begeben. Die i-lige Allianz mit Apple ist inzwischen so ramponiert, dass Apple jeden Hinweis auf "Nexus" aus seinem App-Store verbannt. Und Amazon entdeckt seine Liebe für Microsoft und Bing, seitdem Apple den iPad und Google das Chrome OS und Aspirationen auf ein G-Tablet annonciert - beide mit Bookstores für virtuellen Lesestoff.
Was dabei übersehen wird: Für Google sind das Nexus und die Buchsuche auf dem Tablet nur Abfallprodukte. Apple wie Amazon leben vom Verkauf der Produkte. Apple hat ein Ökosystem rund um seine stylischen Computer und das iPhone geschaffen. Amazon nutzt die Informationen, um mehr Produkte zu verkaufen.
Apple reduziert die Warenpalette, Amazon erweitert sie. Und Google?
Google scannt die Bücher in erster Linie, um dadurch die semantische Basis für künftige Such- und Findetechnologien zu schaffen. Auch das Nexus bzw. Android sind nur Datengeneratoren. Die Information ist der Wert an sich. Die vielen automatisch und unbewusst generierten "Tags" - GPS-Daten in Kombination mit Suchen oder Fotos, Farben, Formen, etc.
Es gibt keinen Wettbewerb zwischen Google, Apple und Amazon. Und noch weniger zwischen Microsofts Steve Ballmer, der sich willig auf das Spiel mit Bing und Tablet einlässt. Google ist kein Software-Konzern. Software ist für Google ein Verstärker, um mehr Verbindungen zwischen Objekten, Beschreibungen und Bedeutungen zu gewinnen. Wenn Microsoft jetzt seine Office-Suite online als Browser-Version zugänglich macht, arbeitet sich das Unternehmen an der Oberfläche ab. Und kann doch nicht im Mindesten die Wertschöpfung erzielen wie Google.
Google ergänzt und verknüpft Attribut um Attribut zu einem semantischen Netz, in dem die Werbung immer relevanter wird, immer treffender zugeliefert werden kann. Was z.B. die Hamburger novomind AG mit ihrer neuen Shopsoftware erreicht - eine flexible, weil nicht mehr Matrix-orientierte Architktur - ist nur ein schwacher Ausblick auf die flexible Shoplösung, die Google schon bald Händlern wird zur Verfügung stellen können. Für einen Apple und ein "i", da kann man sicher sein. Denn SaaS ist ja nicht Apples Geschäftsmodell. Auch das wäre ein Mißverständnis.
Kanäle, Kunden oder Lebenszyklen optimieren?
Reine Onlinehändler halten den klassischen Versendern gerne (und oft zurecht) vor, sie würden krampfhaft die weitere Nutzung fossiler Werbeträger rechtfertigen. Intern geht der Streit weiter: Meistens werden Budgets nach Kanälen verteilt und verteidigt. Alternativen?
Am Donnerstag fand in Siegburg die Jahrestagung des Instituts für Versandhandels-Innovationen statt. (Disclosure: Vor etwa drei Jahren habe ich mit dem "Versandhausberater" Geburtshelfer für das Institut gespielt und bin als Gründungsbeirat noch immer dort aktiv.) Das IVHI hat in diesem Jahr einige spannende Projekte, u.a. einen neuartigen Ansatz des Opinion-Mining, der gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut entwickelt wird.
Aber zurück zum Thema: Auf der Tagung hat der Ex-Quelle-Manager Dr. Wolfgang Kerscher mit einem Denkanstoß für viel Diskussion gesorgt: Statt einzelne Werbekanäle zu optimieren, sollte man künftig z.B. eher die Budgetverantwortung channel-agnostisch nach "Käufertypus" vergeben. Wer für die "Internet-Käufer" verantwortlich ist, muss deren Umsatz und Ertrag steigern - und kann dafür neben reinen Online-Werbemaßnahmen auch Printanstöße oder z.B. Billboards, Anzeigen oder TV-Spots einsetzen. Seine Kompetenz liegt nicht mehr im Kanal, sondern im richtigen Werbemix.
Klingt zunächst mal gut, hat allerdings wenig Charme für diejenigen, die die klassischen "Katalog-Käufer" bedienen. Wer will schon in die Sackgasse geschickt werden? Es ist übrigens erklärtes Ziel, den Katalog in seiner klassischen Funktion auf diese Weise "auszutrocknen" und damit von einem nicht mehr zeitgemäßen Medium weg zu kommen.
Meines Erachtens ignoriert dieser Ansatz aber auch die Cross- oder Robb-Effekte: Wessen Kunde ist jemand, der mal per Telefon und mal per Web bestellt - oder obendrein im Laden einkauft? Schließlich ist das erklärte Ziel, möglichst viele Kunden in möglichst vielen Kanälen aktiv zu halten, denn die Multichannel-Kunden sind werthaltiger (or so they say...).
Ich mache mich für ein anderes Modell stark. Ich würde weg von den Kanälen hin zu einer Verantwortung für Phasen im Kundenlebenszyklus gehen:
- Der Neukunden-Manager ist für die Akquisition zuständig. Seine Funktion ist aus vielen Versandhäusern ohnehin bekannt. Meistens bekommt er allerdings die Aufgabe, eine Anzahl X an Neukunden zu erreichen. Das - so die Kritik bei der IVHI-Tagung - führt dann leicht dazu, dass Kunden minderer Qualität angeschleppt werden, um das Ziel zu erreichen. Dazu später.
- Ein "Aufbau"-Manager ist für die Monate 1-12 nach der Erstbestellung zuständig. Sein Ziel ist es, den Kunden mindestens "break-even" zu bekommen.
- Ein "Abschöpfungs-Manager" optimiert die Werbung so, dass die KUR maximiert wird.
- Ein Reaktivierungs-Manager ist dafür zuständig, wieder Aktiv-Merkmale zu erreichen.
- Ein "Verwertungs"-Manager (besseres Wort fällt mir nicht ein), kann sich um "Drittgeschäfte" kümmern. Das sind z.B. Angebote von verbundenen Unternehmen, Kooperationspartnern etc. Wichtig ist dabei, dass ein grundsätzlich Postkauf-affiner Kunde nicht verloren geht.
Entscheidend ist in diesem Modell, dass stets der Customer Lifetime Value als Faktor mitberücksichtigt wird. Er ergibt sich über die Bemühungen aller Manager und zwingt sie, den kompletten Prozess zu berücksichtigen. Wenn der Neukunden-Manager mit Gewinnspielen schlechte Qualität einkauft, wird diesem Werbekonzept ein entsprechend knapper "CPO" zugebilligt. Auch das ist kein revolutionäres Konzept - in unserem Verlag haben wir für jeden Akquisitionsweg einen eigenen "Grenzwert" eingeführt, zu dem Kunden eingekauft werden dürfen. Der wiederum bemisst sich an der "Haltbarkeit".
Ob das ein Hebel ist, um die Kanaldeckel zu heben und wieder auf das Ganze zu blicken, weiß ich nicht. Beide Ansätze (also der nach Käufer-Tyus und der nach Lebenszyklus-Phase) verlangen aber, Multichannel zu leben. Und sie versetzen auch die etablierten Versender in die Lage, wie "Pure Player" zu denken. Wenn diese nämlich (und das passiert ja immer öfter) Print-Werbemittel einsetzen, dann völlig von alter Prozessdenke losgelöst.
Das IVHI hat inzwischen zur Begleitung solcher Aktivitäten auch ein System entwickelt, das sich "SPA" nennt. Noch ist das System leider auf Print-Werbung beschränkt. SPA beruht auf dem von Bon Prix perfektionierten Phasen-Konzept, nach dem man nicht mehr einen Test vollständig auswandeln lässt, sondern deutlich schneller Werbung in Wellen verschickt. So kann man rascher eingreifen, wenn es neue Erkenntnisse z.B. über Veränderungen in der Wiederbestell-Quote o.ä. gibt.
Ich bin nicht sicher, ob diese Ansätze innovativ sind. Keinesfalls sind sie "disruptiv". Und "Game Changer" ist man damit auch nur in seiner eigenen Organisation (was ja schon mal ein großer Schritt ist). Und doch: Innovation heißt nicht nur, andere Dinge zu tun. Innovation heißt auch, Dinge anders zu tun.
H&M will globaler Onlinehändler werden
Der H&M-Chef Karl-Johan Persson hat angekündigt, dass der Textilhändler sein Online-Angebot auf alle 35 Märkte ausdehnen will. Bislang ist H&M in 7 Ländern mit einem Versandangebot aktiv.
Person sagte im Gespräch mit der Financial Times Deutschland, der Online-Verkauf biete für sein Unternehmen "große Chancen". Zuletzt hatte H&M nur noch durch Neueröffnungen Umsatz steigern können.
Gespannt darf man sein, wie H&M die 2009 übernommenen Marken Monki und Weekday online inszeniert. Beides sind jüngere Store-Konzepte. Unter weekday.se bzw. Monkiworld.com kann man bislang lediglich die Kollektionen ansehen.
Nachtrag: Shopping-Clubs als Vermarktungsplattform
Auf meinen Post zur Zukunft der Shopping-Clubs haben viele reagiert. Dass tatsächlich die Shopping-Clubs auch ohne Überhänge bei guter Positionierung funktionieren können, habe ich jetzt bei Jochen Krisch am Beispiel von Distorted People gelernt.
Das Geschäftsmodell leuchtet ein: brands4friends ist stark auf "hippe" Mode orientiert, deutlich mehr als Vente-Privee. Zwar gibt es berechtigte Fragen nach der Reaktivierungsleistung der Berliner, aber allein die Reichweite innerhalb der Kernzielgruppe macht b4f zu einer Vermarktungsplattform.
Das "Built to Order"-Konzept von Distorted People passt perfekt zum Club-Konzept. Es ist sozusagen die finale Lösung vom Lagerfaktor. Die Zielgruppe hat akzeptiert, dass sie die Ware nicht sofort bekommt, sondern warten muss. Distorted People ist das Paradebeispiel einer Netzgeführten Marke - wer schon länger im Handel unterwegs ist, kennt die Diskussion darüber. DP fertigt nicht selber, lässt die Designs extern entwickeln und vertreibt über Dritte und sorgt eigentlich nur für die "Conversations". (Etwas vereinfacht, zugegeben.)
Fast dreht sich so das Konzept um: Früher haben Shopping-Clubs begehrte Marken zugänglich gemacht. DP ist eine Nischen-Marke und kann durch die Präsenz bei b4f bekannt werden.
Das hängt mit einer Frage zusammen, die immer wieder gestellt wird, letztes Jahr von Alexander Graf im Interview mit Jacques Antoine Granjon: Wie monetarisiert man die Reichweite eines Clubs? Granjon würde nie die Kontakte durch Vermietung an Werbetreibende auswerten. VP würde aber auch keine Selektion nach Spezialinteressen vornehmen sondern setzt auf die breite Streuung.
Insofern werden Shopping-Clubs über die Absatzfunktion (bei VP im Vordergrund) auch zu einer Werbe-Plattform. Granjon sagte im Interview bei Kassenzone, dass Clubs funktionieren, solange die Nachfrage das Angebot übersteigt. Ob die Verknappung durch "End of Season" oder "Test-Sortiment" entsteht, ist letztlich egal. Die Nachbarschaft etablierter Marken färbt dabei auf (sorgfältig ausgewählte) "Aufbau-Marken" ab. Es ist eine Art Seed-Marketing.
iPad, Neuheiten-Kataloge und die Implosion der Informationsgesellschaft
Dass ich mich auf Apples iPad (oder wie es dank Fujitsu auch immer heißen wird) freue, dürfte aus meinen Posts klar geworden sein. Aber die Tablet-PCs bergen eine große gesellschaftliche Gefahr: Die Implosion der Informationsgesellschaft.
Die Begeisterung gerade der Verlage über die neuen Vermarktungsmöglichkeiten via Tablet-PCs sind erklärlich. Schließlich geht es darum, die sinkenden Verkaufszahlen der Print-Ausgaben zu kompensieren und durch elektronische Ausgaben zu ersetzen. Der virtuelle Kiosk macht es möglich, dem Kunden zielsicher Zeitschriften zu offerieren, die seinen Interessen entsprechen. Google News ist erst der Anfang.
Dass Informationen leichter zugänglich werden und zugleich übersichtlicher als an vollgestopften Büdchen, hat aber eine Kehrseite. Katalogversender kennen diese, weil sie permanent dagegen ankämpfen: Die Überinterpretation der Daten. Wer nur begrenzt Platz auf den Seiten hat, versucht den möglichst effektiv zu nutzen. Dabei helfen die Verkaufszahlen der Vorsaison, bis auf den Quadratzentimeter heruntergerechnet. War die Farbe produktiv genug? Eher Twin-Sets oder Kleider? Eher die Zielgruppe 35-45 oder eher 40-60 Jahre?
Man kann die Daten vorwärts und rückwärts analysieren und dadurch immer besser funktionierende Kataloge schaffen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Quelle-Monatskataloge sind in diesem Sinn gescheitert: Ursprünglich sollten sie frischer und moderner sein und dadurch für neue Käufer (jünger, modischer) eine attraktive Seite der Quelle zeigen. Die Analyse und folgende Optimierung hat, so ehemalige Quelle-Mitarbeiter, am Ende daraus aber Kataloge gemacht, die vor allem bei Kunden funktionierten, die noch einen Tick älter waren als die ohnehin betagte Quelle-Kundschaft.
Schnitt. Das (oder der?) iPad erlaubt es den Nutzern, via Internet mehr Zeitschriften und Informationsquellen denn je zu konsumieren. Wie wird sich die Nutzung entwickeln?
Meine These: Die breitere Verfügbarkeit der Informationen wird nicht zu einer Wahrnehmung von mehr Perspektiven durch die einzelnen Konsumenten führen, mithin nicht zu einer "aufgeklärteren" Entscheidung. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Studien, die genau das Gegenteil belegen. In seinem Buch "Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge" berichtet Prof. Cass Sunstein von einer Art Gravitations-Effekt in politischen Diskussionen. Vor und nach Diskussionen sollten Republikaner aus Colorado Springs und Demokraten aus Boulder ihre Einstellungen zu bestimmten Fragen angeben.
"First, the groups from Bolder became even more liberal on all issues; the groups from Colorado Springs became even more conservative. Deliberation thus increased extremism. Second, every group showed increased consensus, and decreased diversity, in the attitudes of its members. (...) Third, deliberation sharply increased the differences between the views of the largely liberal citizens of Boulden and the largely conservative citizens of Colorado Springs. Before deliberation began, there was considerable overlap between many individuals in the two different cities. After deliberation, the overlap was much smaller."
Während Denker wie Seth Godin die Bildung von "Tribes" positiv konstatieren, sehen andere darin eine Balkanisierung des Cyberspace - aus der Traum vom Global Village.
Zurück zum Versandhandel. Es gibt eine Kategorie von Katalogen, die zwar in ihrer Zielgruppe klar beschrieben ist, aber im Katalog selbst nicht wie die Werbemittel von Quelle & Co. optimiert werden. Es gibt auch dort eine Flächenbewirtschaftung, aber die sperrt sich gegen die rückwärtsorientierte Optimierung: Die Neuheiten-Kataloge.
Firmen wie Eurotops oder Pro Idee, aber auch Die moderne Hausfrau oder Savoir Vivre leben davon, dass der Kunde spätestens auf jeder dritten Doppelseite irgendein interessantes Produkt findet, das er noch nie wahrgenommen hat und das bisher auch nicht auf seiner Agenda stand. Mit anderen Worten: Das sich nicht aus seinem bisherigen Suchverhalten erschließen und empfehlen ließ. Er stolpert darüber.
Die Algorithmen von Google und anderen, auch künftigen Datenanbietern setzen auf Relevanz durch Ähnlichkeit mit vorherigen Suchmustern. Sie haben ein große Zukunft, und stehen erst ganz am Anfang, wie Alexander Graf gerade in "Kassenzone" argumentiert hat.
Aber wie werden wir künftig noch überrascht werden? Ein Print-Katalog aus dem Briefkasten lässt sich nur wegwerfen oder blättern. Sobald das Cover erstmal in das Buch gezogen hat, wird es zur Stolperfalle.
Welche Konzepte gibt es in Zeiten des iPad für "disruptive Sortimente"? Wie garantieren wir in einer digitalen Welt, dass störende Botschaften sowohl technisch (buchstäblich) noch "auf den Schirm" kommen und dann nicht kognitiv als geringe Dissonanz aus den überwiegend gleich schwingenden Weltsichten herausgefiltert werden?
"StumbleUpon" ist ein Versuch, das Internet so zu erschließen. Die Hoffnung besteht, dass soziale Netzwerke offen genug sind, um immer wieder Neuigkeiten und abweichende Meinungen nach vorne zu spülen. Die neuen Geräte brauchen zwingend die Social Media, auch wenn die Verlage dies noch nicht überall verstanden haben. Eine Garantie für kreative Dissonanz, sind auch Blogs und Communities nicht.
Update: mirapodo-Beta im Test
Nachdem ich mich über den Claim-Contest von mirapodo kritisch geäußert habe, konnte ich mirapodo im beta-Status testen. Einige Features überzeugen davon, dass es "einfach" wird.
Zunächst Mal: So sieht die Seite aus:
Eine sehr "volle" Seite, mit einem hier mal auf Männer zielenden Teaser-Foto. Wie einfach ist also der Weg zum Schuh?
Schauen wir uns die Herren-Schuhe genauer an. Man kann direkt in eine Unterkategorie wie z.B. Business-Schuhe einsteigen.
Links finden sich viele Möglichkeiten, die Schuh-Auswahl weiter zu verringern. Gelungen: Man kann auch nach Obermaterial, Art und Material der Laufsohle und Art des Futters filtern.
Was im Screenshot nicht deutlich wird: Wenn man mit der Maus über die Bilder geht, drehen sich die Schuhe automatisch mit, so dass man quasi "um den Schuh herumgeht".
Kein Klick nötig, kein Pop-up o.ä. Einfach. Und wer diese Art der Darstellung nicht mag, kann zwischen verschiedenen Variationen wählen:
Oder:
Oder auch als Fullscreen-Gallerie:
Ich habe mal Zappos, Spartoo, Sarenza, Javari und Zalando verglichen, also die erklärten oder unerklärten direkten Wettbewerber. Und komme zum Schluss: mirapodo bietet hier wirklich Top-of-Class UI. Der Claim "Einfach Schuhe kaufen" wird damit zumindest beim schnellen Shopping eingelöst.
Damit kassiere ich nicht meine Kritik daran, vor der Beta-Phase einen Crowdsourcing-Wettbewerb für einen Claim zu veranstalten. Aber in diesem Fall ist das Experiment durchaus gelungen.
mirapodo geht im März an den Start: Ein ernstzunehmender Wettbewerber, nicht zuletzt eine "Inhouse"-Messlatte für Baurs "I'm Walking".
Mirapodo, oder: Vom richtigen Zeitpunkt
Das Berliner Start-up mirapodo scharrt mit den Hufen. Kürzlich hatte ich über den Claim-Wettbewerb berichtet. Der ist jetzt entschieden (Danke an Nils Wohlfahrt für den Hinweis.) Doch das Ergebnis - "Einfach Schuhe kaufen" - zeigt, warum der Publikums-Joker nicht immer zur richtigen Zeit gezogen wird.
Wer den Shop besucht, kann sich für ein Private Beta registrieren. Als der Claim-Wettbewerb lief, war das Unternehmen noch nicht soweit. (Immerhin sieht man schon mal, dass mirapodo auf Demandware-Basis läuft...) Bislang wurde man auf den Twitter-Account umgeleitet und musste sich den Claim aufgrund weniger Angaben überlegen.
Mirapodo ist (wie Sarenza, Spartoo, Javari) ein Kunstname. Nicht nur Nils Wohlfarth fällt es schwer, bei all den neuen Namen noch ein Bild im Kopf zu haben und sich daran zu erinnern.
Welche Rolle spielt der Claim? Er ist so etwas wie das Markenversprechen. Im Katalog nennt man es auch gerne mal "Tagline", und mit "taggen" kennen wir uns heute ja alle aus. Es sind die Begriffe, mit denen wir einen Shop verbinden. Das Prinzip wird hier umgekehrt: Der Claim von Mirapodo bringt zum Ausdruck, was sich die Nutzer aufgrund der spärlichen Informationen versprechen.
"Einfach" ist der stärkste "Tag" im Claim. Und dieses Versprechen muss mirapodo jetzt einlösen. Die Beta-Seite zeigt alles, aber nichts, was "einfach" verspricht. Es sind letztlich (die 100 Tage Rückgabemöglichkeit mal ausgenommen) selbstverständliche Erwartungen der Kunden.
Das heißt nicht, dass mirapodo nicht wirklich ein gutes Konzept ist - @helloingo zeigte sich gestern abend sehr angetan von einem Besuch bei den Berlinern. Es ist auch richtig, die Kunden frühzeitig einzubeziehen, damit am Ende ein Shop entsteht, der die Erwartungen oder Hoffnungen erfüllt. Der sogar dadurch einfach "anders" sein kann.
Aber das ist eben kein "Claim-Wettbewerb" mehr, sondern Mafo. Der Zeitpunkt ist falsch.
Aber wer Crowdsourcing einsetzen will, der sollte doch das Pferd von vorne und nicht von hinten aufzäumen. Der Claim müsste von den Beta-Testern gewählt werden. Sonst schafft man fast zwangsläufig Dissonanzen.






