Seid Ihr alle Geisterfahrer!?
Also, wenn Ihr es noch nicht wusstet: Alle, die Ihr im Versandhandels mit Katalog, Onlineshop, Teleshopping Geld verdient, fahrt mit abgeklebten Scheiben und wundert Euch über den Schaden, den ihr hinterlasst! Das hat jedenfalls der Arcandor-Insolvenzverwalter erkannt.
Kurz vor Jahresende hat Klaus Hubert Görg in einem langen Interview mit dem "Spiegel" einen denkwürdigen Satz fallen lassen: „Versandhandel ist wie Autofahren mit abgeklebten Scheiben - erst im Rückspiegel kann man sehen, was gerade passiert ist.“ Der Versandhandel sei im Vergleich mit dem Warenhaus das schwierigere Geschäft, das man viel weniger planen könne. Man wisse beispielsweise nie, was die Kunden wieder zurückschicken.
Wer nur auf das Frontend schaut, das ist nun mal so, kann am Backend, nämlich im Lager, Chaos erzeugen. Das ist allerdings keine Neuigkeit, und schon gar kein Grund, das Geschäftsmodell anzuzweifeln.
Wettbewerber Otto zeigt dieser Tage eindrucksvoll (auch wenn das nicht in der Presse zu finden ist), dass gerade der Versandhandel hier Daten besser als viele andere lesen und die Prognose extrem verfeinern kann. Wo der Einzelhändler nicht wahrnimmt, wie oft ein Teil angefasst und zurückgelegt wurde, kann der Versender dies an Bestellungen oder auch nur an Klickpfaden im Internet ablesen. Und dadurch die Lieferbereitschaft erhöhen und gleichzeitig die stumpfen Abschleusungs-Instrumente (Ausverkäufer-Kataloge etc.) kurzerhand abschaffen.
Retouren gehören zum Geschäft und werden genau kalkuliert. Aus der Sicht eines Insolvenzverwalters mag die Retoure bei der Liquiditätssicherung kritisch sein. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass Görg und seine Mannen schlichtweg überfordert waren.
Im Einkauf, sagt man, wird das Geld verdient. Das ist nicht so spannend wie aufregende neue Geschäftsmodelle. Es ist aber für jede Form von Versandhandel elementar. Genau so wie eine vernünftige Logistiksteuerung bis hin zur Wiedervereinnahmung nach Retouren und Rückschleusung in den Verkauf. Fragt mal die Teleshopping-Sender, wie Sie mit den Peaks nachher umgehen.
Nur: Es ist kein Hexenwerk, und Versender sind keine Geisterfahrer.














Hallo Herr Groß-Albenhausen,
ich lese Ihre Kommentare und Berichte immer wieder gerne!
Grüsse
Thorsten
Anmerkung zum Satz "Wo der Einzelhändler nicht wahrnimmt, wie oft ein Teil angefasst und zurückgelegt wurde, kann der Versender [...] die stumpfen Abschleusungs-Instrumente (Ausverkäufer-Kataloge etc.) kurzerhand abschaffen.":
Gaaaanz so einfach ist es meiner Meinung nach dann doch nicht, denn Mengenlimits und Mengenplanung im klassischen Distanzhandel ist bei aller Optimierung noch nicht in der Lage, auf Basis von Sitetracking, Klickraten und Conversion sofort Einkaufs- bzw. Dispo-Prozesse zu justieren. An Erkenntnis mangelt es bei guter Trackingsoftware usw. nicht, die Tools und Prozesse werden auch immer besser, es mangelt aber oft an direkter Reaktionsmöglichkeit, weil zwischen Bits (Shop- und Kundendaten) und Atomen (Einkauf, Ware, Lieferant) immer noch ein paar analoge Schluchten zu überbrücken sind.
Das "stumpfe" Abschleusungsinstrumente abgeschafft gehören, ist aber absolut wahr. Mehr als Rabatte fällt vielen nicht ein, das machen (v.a. US-) Fashion-Shops wesentlich besser und kundengewinnender.
Ansonsten ist die Gesamtaussage von Görg natürlich echt gruselig, da stimme ich zu. Hat der Mann sich vorher überhaupt mal mit den Grundmechanismen des Versandhandels beschäftigt oder wollte er im SPIEGEL nur witzisch sein?
@sven selle: Sicher kann man nicht so fein disponieren. Aber trotzdem sind die Prognosesysteme heute deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. Bon Prix ist einer von denen, die extrem clever vortesten, was in welcher Menge läuft, wieviel zurückkommt etc. Görg hat von Earlybird-Katalogen im Leben noch nix gehört, und das ist ja beileibe kein 2.0-Instrument, sondern Basic-Handwerkszeug. Das kannte man sogar schon bei Quelle :-).